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Ist Scrivener das richtige Programm für mich?

Bildquelle: http://www.morguefile.com/archive

In der Fb-Gruppe „Schreiben mit Scrivener“ wurden die Mitglieder schon mehrmals danach gefragt, warum sie Scrivener gewählt haben. Manche User sind wahre Virtuosen, andere benutzen nur die Grundfunktionen, die meisten sind begeistert.

Warum?

Da ich selbst zur typischen Zielgruppe gehöre, kann ich gut als Beispiel dienen: Auf die Suche nach einem Schreibprogramm habe ich mich gemacht, weil ich eine 800 Seiten Erstfassung auf der Festplatte hatte, schön verteilt auf sieben OpenOffice-Dateien, und mich fragte, wie in aller Welt ich da den Überblick über die Erzählstränge bekommen soll. Mühsam den Text zerpflücken, und mir weitere Dateien aufhalsen? Nee.
Ich brauchte unbedingt ein Tool, das mir half, meine Ideen zu sortieren, unkompliziert auf Notizen und Recherche zuzugreifen, und das fertige Material zu erfassen – und Scrivener machte auf den ersten Blick schon vom Preis her einen sehr sympathischen Eindruck.

Die Trialversion hat keine Einschränkungen und hält für 30 Tage, an denen man das Programm auch tatsächlich benutzt, d.h., man kann es in aller Ruhe ausprobieren.
Der folgende Text ist keine detaillierte Funktionsbeschreibung. Er soll das Programm nur umreißen, damit man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen kann.

Das Tutorial

Scrivener Startseite Tutorial
Scrivener Startseite Tutorial

Frisch installiert sollte Scrivener auf Deutsch starten, falls es das nicht tut, kann die Sprache über >Tools >Options >General umgestellt werden. Und man wird auch gleich mit einem Projekt konfrontiert, nämlich dem englischen Tutorial.
Für manchen tat sich hier bis vor einigen Monaten eine Hürde auf, weil es keine deutsche Übersetzung des Tutorials gab. Inzwischen gibt es sie, und das Tutorial kann hier auf dieser Seite heruntergeladen werden. Anschließend die Zip-Datei entpacken und das Tutorial mit Doppelklick auf Scrivener Tutorial Deutsch.scrivx starten. Ich lege es hiermit jedem Newbie ans Herz, weil es unterhaltsam und interaktiv in das Programm einführt und zügig über die wichtigsten Funktionen aufklärt, was eine Menge Zeit spart, die man sonst vielleicht mit Suchen verbringt.
Übersetzt wurde die Tutorial-Version für Windows, aber in den Grundfunktionen ist das Programm für Windows und Mac inzwischen so gut wie gleich, das Tutorial kann also auch von Mac-Usern genutzt werden.

Erster Eindruck

Scrivener lässt sich wunderbar intuitiv bedienen, die Aufteilung am Bildschirm kommt einem von Anfang an irgendwie bekannt vor (vorausgesetzt, man hat bisher nicht nur mit der Hand oder mit dem Notepad geschrieben), die Buttons in der Werkzeugleiste unterscheiden sich klar und deutlich voneinander.
Selbstverständlich braucht man die eine oder andere Erklärung, aber hat man erst ein paar Sätze gelesen und zum Ausprobieren herumgeklickt, ist es nicht so, dass man die Anleitung jedes Mal wieder hervorkramen muss, um sich zu erinnern, was „Das da“ noch mal gewesen ist.

Die wichtigsten Funktionen

Um über meinen Roman die Übersicht zu behalten, hatte ich mir eine separate Inhalts-Datei gebastelt, von der aus Links zu sämtlichen Texten, Recherchemappen und Charaktersheets führten. Außerdem hatte jede Textdatei ein klickbares Inhaltsverzeichnis.

In Scrivener übernimmt diese Aufgabe der sogenannte Binder, ein Inhaltsverzeichnis links von der Schreiboberfläche (Editor). Hier werden alle Dokumente angelegt, hier können sie nach Belieben sortiert und verschoben werden, und man hat sie alle im Blick.

Auf der rechten Seite des Editors hat man die Möglichkeit, die einzelnen Dokumente mit Zusatzinformationen zu versehen:

  • Die „Synopsiskarte“ empfiehlt sich für eine kurze Beschreibung des Inhalts, was die Übersicht im Pinnwand- und Gliederungs-Modus erleichtert.
  • In der Rubrik „Allgemeine Meta-Daten“ lassen sich farbige Label zuordnen (z.B. entsprechend dem PoV), der Status kann vermerkt werden (z.B. Erster Entwurf oder Fertige Fassung oder jeder beliebige selbst ergänzte Status) und es können Grundeinstellungen für die spätere Textausgabe gemacht werden.
  • Ganz unten befindet sich eine Buttonleiste, mit der man auf weitere ergänzende Bereiche zugreifen kann, die dann direkt im Feld darüber angezeigt werden:

Notizen und Referenzen, die sich entweder auf das einzelne Dokument oder aber auf das gesamte Projekt beziehen.

Die Möglichkeit, Keywords zuzuordnen.

Die Möglichkeit, weitere (auch selbst definierte) Meta-Daten anzugeben.

Der Bereich Schnappschüsse, der es einem ermöglicht, auf frühere Textversionen zurückzugreifen (vorausgesetzt, man hat einen „Schnappschuss“ gemacht).

Die Möglichkeit, Kommentare und Fußnoten hinzuzufügen.

Das „Prinzip Scrivener“

Scrivener legt keine einzelnen Dateien an, wie man das von gewöhnlichen Schreibprogrammen her gewohnt ist, sondern fasst sämtliche Daten in einem Projekt zusammen. Mein erstes eigenes Projekt bestand darin, meine Roman-Erstfassung mitsamt dem dazugehörigen Recherche- und Bild-Material umzuziehen.

Wenn man „Neues Projekt“ anklickt, landet man in einer Dialogbox, die einem die Möglichkeit gibt, zwischen verschiedenen Templates zu wählen, je nachdem, ob man einen Roman schreiben möchte, ein Drehbuch oder eine Rezeptsammlung.
Im Zweifelsfalle wählt man die Vorlage „Leer“, und hat dann nur drei Mappen: Eine für das Manuskript, eine für Recherche-Material und einen Mülleimer, der sich erst dann leert, wenn man das noch einmal extra bestätigt. Selbstverständlich kann man nach eigenem Ermessen weitere Mappen hinzufügen. Scrivener managt auch große Datenmengen problemlos.

Sämtliche Dateien lassen sich ganz einfach per Drag&Drop importieren, wobei man nur eines beachten muss: Die Manuskript-Mappe (in der Vorlage heißt sie „Draft“, aber man kann sie nennen, wie man will) nimmt nur Textdateien an.

Hatte ich vorher ein klickbares Inhaltsverzeichnis für die einzelnen Szenen in jeder Textdatei, gibt mir Scrivener die Möglichkeit, den Text sinnvoll in kürzere Abschnitte aufzusplitten. Das kann man über einen entsprechenden Befehl in der Menüleiste direkt beim Importieren machen, oder erst anschließend mittels Cursor und Shortcut. Titel und Beschreibung aus meinem alten Inhaltsverzeichnis landeten auf der jeweiligen „Synopsiskarte“ eines Dokuments.
Langer Rede kurzer Sinn: Als ich mit dem Umzug fertig war, genügte eine Schlüsselwort-Suche, und ich hatte sämtliche zu einem Thema gehörigen Texte in einer sauberen Liste und konnte ohne Verzögerung auf Recherche oder Bilder zugreifen.
Die Zeit der unzähligen offenen Dateien und Mappen, zwischen denen ich hin und her klicken musste, hatte ein Ende.

Weiterführende Optionen

Da Scrivener enorm flexibel ist, im Folgenden nur einige Stichworte. Was man für sich persönlich bevorzugt, findet man mühelos heraus, wenn man mit dem Programm arbeitet.

Editor: Die Schreiboberfläche kann horizontal oder vertikal gesplittet werden, wodurch man zwei Dokumente gleichzeitig im Blick hat.

Verlinken: Sogenannte „Scrivener Links“ splitten den Editor automatisch (wenn man es so eingestellt hat), und zeigen das aufgerufene Dokument neben dem Aktuellen an (das gilt auch, wenn man Referenzen aufruft). Internet-Links oder Shortcuts zu Dateien oder Mappen sonst wo auf der Festplatte können einfach einkopiert werden, auch in den Notizen-Bereich, und öffnen sich extern.

Pinnwand: Reiht die „Synopsiskarten“ nebeneinander. Sie können verschoben, und so die Reihenfolge der Dokumente neu geordnet werden. Außerdem wird im Pinnwand-Modus ein ev. Status der Dokumente wie ein Stempel quer über der „Karte“ angezeigt.

Vollbildmodus: Befreit einen beim Schreiben von allen Ablenkungen. Wenn man möchte, kann man ein Hintergrundbild hinzufügen.

Suchfunktion: Die Einstellmöglichkeiten sind schier unendlich, man kann nach allem Suchen lassen, von Keywords über Worte im Text bis zu Metadaten, Status, Label …

Sammlungen: Was in den Suchergebnissen angezeigt wird, kann als sogenannte „Sammlung“ gespeichert werden. Ich persönlich finde das sehr nützlich, um über einzelne Erzählstränge einen schnellen Überblick zu bekommen. Andere organisieren auf diese Weise einen aus mehreren Teilen bestehenden Romanzyklus. Sammlungen lassen sich auch ohne Suche anlegen, indem man einfach mehrere Dateien markiert und entsprechend speichert. Wie so oft bei Scrivener, führen mehrere Wege zum Ziel.

Individuelle Anpassung

Ob es die Hintergrundfarbe der Notizen ist, das Aussehen der Synopsis-Karten, die in den Programmkomponenten verwendete Schrift oder die Anzahl Karten pro Reihe auf der Pinnwand: Fast alles kann nach eigenen Wünschen gestaltet werden.
Dokumenten- und Mappentitel lassen sich überall und in jeder Ansicht ändern. Menüleisten können angezeigt oder verborgen werden und auch die Breite des Editors ist verstellbar. Enorm nützlich ist auch die Möglichkeit, die Leiste für die Schriftformatierung und die Werkzeugleiste mit genau den Buttons zu bestücken, die man selbst für wichtig hält.

Textausgabe

Das dürfte einer der wenigen Bereiche sein, die sich nicht so ganz von alleine erschließen. Ausgegeben werden grundsätzlich nur die Dokumente in der Manuskript-Mappe, und bevor das geschieht, sind einige Einstellungen vonnöten, damit der Text sauber als „Proofreading Copy“, fertiges Epub, Mobi, .doc, .odt, PDF oder Html-Seite (und noch einige mehr, einschließlich MultiMarkdown) aus Scrivener exportiert werden kann.

Und wo ist der Haken?

Den gibt es natürlich auch, aber ich komme nicht auf so viele Dinge, die es an Scrivener zu bemängeln gibt. Wenn man im Übrigen mal auf ein Problem stoßen sollte, für das man keine Lösung findet, kann man sich (außer bei der eingangs erwähnten Fb-Gruppe Mitglied zu werden) an den Support wenden. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, sind die Leute bei Literatur&Latte sehr hilfsbereit und nett:

  • Das Erste, was mir einfällt, hat eher mit eigenen Präferenzen zu tun, als mit dem Programm: Wer beim Schreiben darauf angewiesen ist, eine formatmäßig geordnete Seite à la DIN A4 vor sich zu haben, um sich orientieren zu können, wird diese Möglichkeit schmerzlich vermissen. Scrivener liefert nur reinen Text, keine „Seiten“.
  • Als Nächstes wäre die Korrektur-Funktion zu erwähnen: Der Duden z.B. kann nicht eingebunden werden. Um das Problem zu umgehen, gibt es verschiedene Strategien. Manche benutzen nur für die Korrektur das Programm Papyrus, andere machen sich die Mühe, den eingebauten Korrektor zu trainieren oder konsultieren den Papier-Duden. Meine eigene Methode besteht vorläufig darin, den Text in eine ältere Version von OpenOffice zu kopieren (der Duden funktioniert nicht mehr mit Versionen ab 4.0).
  • Es ist nicht möglich, ein Projekt gleichzeitig von mehreren Geräten aus zu öffnen.
  • Und dann wären da noch einige fehlende Möglichkeiten in der Windows-Version, die aber sicher mit der Zeit nachgeliefert werden: So steht z.B. bei der Ausgabe als Epub über dem Inhaltsverzeichnis „Contents“, und wenn man das in „Inhalt“ ändern möchte, muss man dafür ein weiteres Programm bemühen (z.B. Sigil). Wer die Mac-Version benutzt, kann die Überschrift vor der Ausgabe in Scrivener ändern.
  • Möglicherweise gibt es noch mehr, aber nicht jeder vermisst das Gleiche …

Das Fazit

Inzwischen schreibe ich alle meine Texte in Scrivener, einschließlich Blogbeiträge. Wer viel Text zu ordnen hat, in schwerpunktmäßig unterschiedlichen Abschnitten schreibt oder verschiedene Themen beackert, und dabei regelmäßig auf Referenzen und Recherche zurückgreifen muss, findet für einen Preis von $40 kaum etwas Besseres.

Meine Empfehlung: Einfach mal die Trialversion herunterladen, in das mitgelieferte Tutorial gucken und schauen, wie es sich „anfühlt“. Ich habe eine Woche gebraucht, um mich zu entscheiden, und die Ausgabe bisher keinen einzigen Tag bereut.

~

Die Homepage von Scrivener findest du hier: Literature&Latte

In der Fb-Gruppe „Schreiben mit Scrivener“ wurden die Mitglieder schon mehrmals danach gefragt, warum sie Scrivener gewählt haben. Manche User sind wahre Virtuosen, andere benutzen nur die Grundfunktionen, die meisten sind begeistert. Warum? Da ich selbst zur typischen Zielgruppe gehöre, kann ich gut als Beispiel dienen: Auf die Suche nach einem Schreibprogramm habe ich mich gemacht, weil ich eine 800 Seiten Erstfassung auf der Festplatte hatte, schön verteilt auf sieben OpenOffice-Dateien, und mich fragte, wie in aller Welt ich da den Überblick über die Erzählstränge bekommen soll. Mühsam den Text zerpflücken, und mir weitere Dateien aufhalsen? Nee. Ich brauchte unbedingt…

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Über Christine Ulrich

... schreibt, seit sie es kann, kriegt aber erst seit 2013 langsam die Kurve, sich auch öffentlich zu bekennen. Seitdem gibt es deutlich (noch) weniger warme Mahlzeiten und signifikant mehr Staub in ihrer Umgebung. Einige ihrer kürzeren Geschichten spielen in der Zukunft, Gegenwärtiges und Sonstiges gibt’s auf ihrem Blog.

Alternatives Ergebnis

Organisationstipp: Sammlungen (Collections)

Wer hatte nicht schon einmal das Gefühl, es wäre sinnvoll und nützlich, wenn man die …

2 Kommentare

  1. richschwab

    Sehr schön, Christine, vielen Dank!
    Fein das Wesentliche zusammengefasst und auf den Punkt gebracht (ich hätte mit meinem Hang zum Vom-Hölzchen-auf-Stöckchen-kommen sicher zehn Seiten mehr gebraucht).
    Zwei Dinge möchte bzw. muss ich jedoch anmerken:
    • „… der sogenannte Binder, ein Inhaltsverzeichnis links von der Schreiboberfläche“:
    den Binder Inhaltsverzeichnis zu nennen, finde ich gewagt und irreführend – er ist ja nicht nur das Verzeichnis, sondern enthält sämtliche Inhalte.
    • „Das dürfte einer der wenigen Bereiche sein, der sich nicht so ganz von alleine erschließt.“:
    Das kann der alte Klugscheißer in mir natürlich so nicht stehen lassen – natürlich muss es heißen „Das dürfte einer der wenigen Bereiche sein, die sich nicht so ganz von alleine erschließen.“ 😉

    Ansonsten bleibt mir erst mal nichts, als – gerne – zu applaudieren und zu danken.

    ’ne schöne Jrooß – Rich

    • Danke für die Fehlerkorrektur – typisches Redigierkuddelmuddel 🙂

      Das mit dem „Binder als Inhaltsverzeichnis“ wird im nächsten Satz zumindest erweitert, als angeführt ist, das dort die Dokumente auch angelegt werden. Außerdem: Da dort tatsächlich alles aufgeführt ist, was zum Projekt gehört, ist es AUCH ein Inhaltsverzeichnis. Von der Funktion her unterscheidet es sich nach meinem Ermessen jedenfalls nicht, wenn ich eine moderne, anklickbare Liste zugrundelege.
      Ich finde deinen Einwand zwar in gewisser Weise berechtigt, aber eher in formeller Hinsicht, als dass es in der Praxis einen Unterschied macht.
      WAS der Binder genau ist, wird man spätestens dann herausfinden, wenn man mit dem Programm arbeitet.

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