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Ein Manuskript überarbeiten mit Scrivener

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In Scrivener gibt es eine Vielzahl von Werkzeugen. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Autoren, der wirklich jedes davon in Gebrauch hat und keine zwei, die die gleichen Werkzeuge in der gleichen Weise verwenden. In diesem Beitrag will ich euch zeigen, wie ich einige der Tools in Scrivener benutze, um ein Manuskript zu überarbeiten. Das soll als Beispiel und Anregung dienen, Scrivener an seinen eigenen Arbeitsprozess anzupassen. Besonderes Augenmerk werde ich auf folgende Werkzeuge legen: Status, Inline Annotations, Kommentare und Projektnotizen. Ich nutze Scrivener für Mac auf Englisch.

Status

Bei der Arbeit an einem Manuskript gehe ich einigermaßen systematisch vor und markiere mir mit Hilfe der Statusfunktion, welche Szene sich bei welchem Arbeitsschritt befindet. Egal, ob ich entdeckend schreibe oder nach einem ausgefeilten Szenenplan vorgehe: Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, den ersten Entwurf möglichst zügig herunterzuschreiben. Das ist zum Einen effektiv, denn ich kann viele Details noch gar nicht wissen, die sich erst im Verlauf des Schreibens ergeben, sodass ich am Ende sowieso noch mal überarbeiten muss. Vielleicht zeigt sich sogar, dass die entsprechende Szene komplett gestrichen werden muss, da wäre es Zeitverschwendung, sie beim ersten Entwurf unendlich zu verfeinern. Zum Anderen aber, und das finde ich das wichtigere Argument, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Fantasie nur in Schwung kommt, wenn man den sogenannten „inneren Zensor“ ausschaltet und seinen Text während des Schreibens möglichst wenig selbst kritisiert. Das ist auch ein Grund, warum ich Inline Annotations und Kommentare verwende, obwohl sie doch ähnliche Funktionen haben. Dazu komme ich gleich.

 

In den Meta-Data-Settings kann ich eigene Stati definieren
In den Meta-Data-Settings kann ich eigene Status (mit langem U) definieren

 

Der Status ist eine der vielen „Meta-Daten“ die man in Scrivener einem Dokument zuordnen kann. Man sieht ihn im Inspektor oder in der Outline (Gliederungsansicht). Man kann die Stati frei definieren und muss nicht die vom Programm vorgeschlagenen behalten. Man kann außerdem einen Status als „default“ wählen. Hier nehme ich „to do“. Jede Szene, die ich anlege, ist also automatisch als to do markiert, denn sie hat ja noch keinen Inhalt. Falls ich vorher geplant habe, hat mein Projekt bereits eine Vielzahl von Szenen, mit einem griffigen Titel und einer kurzen Inhaltsangabe im Synopsis-Feld. Wenn ich entdeckend schreibe, lege ich vielleicht im Verlauf schon mal Szenen an, von denen mir klar wird, dass sie später folgen werden.

Inspektor mit Synopsis und dem Status "to do"
Inspektor mit Synopsis und dem Status „to do“

Habe ich nun meinen ersten, groben Entwurf geschrieben, ändere ich den Status. Damit mein innerer Zensor begreift, dass er noch nicht dran ist, habe ich diesen Status „voller Fehler, so richtig schön schlecht“ genannt. Zu den nächsten Schritten komme ich gleich.

Inline Annotations

Inline Annotations sind Notizen, die man in den laufenden Text schreibt. Im Gegensatz zu Kommentaren, die als eigenes Feld am Rand erscheinen, ein wenig wie ein virtuelles Post-It, sind die Inline Annotations eher so etwas wie ein virtueller Bleistift, mit dem man zwischen die eigenen Zeilen schreiben kann. Man kann sie also auch im Composition Mode (ablenkungsfreier Modus) verwenden. Man muss den Text nicht verlassen, um sie anzulegen. Wenn man das Tastenkürzel cmd+shift+A verwendet, muss man noch nicht mal die Finger von der Tastatur nehmen. Es ist also möglich, in seinen Text alle möglichen Gedanken, Notizen, Anmerkungen einzufügen, ohne großartig innezuhalten. Dies ist für den ersten Entwurf, bei dem ich ja im Flow sein will, nicht zurückgehen will, keine Korrekturen machen will, sehr hilfreich.

Wenn mir beim Schreiben klar wird, dass die aktuellen Ereignisse eine Veränderung weiter vorne erfordern, so halte ich nicht inne, rufe die vorherige Szene auf, ändere sie und kehre zum aktuellen Text zurück. Sondern ich haue einfach cmd+shift+A, schreibe es raus, und fahre fort, vielleicht sogar mitten im Satz. Das kann also so aussehen: «Terry Gruesome riss seinen Revolver [cmd+shift+A den er vorher eingesteckt haben muss!cmd+shift+A)] aus dem Mantel und schoss.» Die Notiz wird rot eingefärbt, ich habe das Problem erst einmal abgehakt und bin sicher, dass der Gedanke nicht verloren geht.

In rot die Inline Annotation
In rot die Inline Annotation

Projektnotizen

Nicht ganz konsequent bin ich dabei, weil ich noch eine andere Stelle habe, um mir solche Sachen während der Entwurfsphase zu notieren. Ich mache mir nämlich auch eine To-do-Liste, die ich in den Project Notes (Projektnotizen) verwalte. Man könnte dafür natürlich auch ein eigenes Dokument anlegen, das man irgendwo im Binder aufbewahrt. Der Vorteil an den Projektnotizen ist aber, dass sie von jedem Dokument aus schnell erreichbar sind. Man findet sie dort, wo auch die Dokumentnotizen sind, im Inspektor. Man kann hier zwischen beiden Notizarten umschalten. Die Dokumentnotizen beziehen sich natürlich auf das ausgewählte Dokument, die Projektnotizen hingegen sind global und sozusagen von jedem Punkt im Projekt aus erreichbar. Im Composition Mode kann ich zum Beispiel den Inspektor öffnen und dort direkt die Projektnotizen erreichen, ohne erst zu einem anderen Dokument navigieren zu müssen.

Warum habe ich diese To-do-Liste? Häufig fallen mir Dinge ein, die eigentlich gar nichts mit dem aktuellen Textabschnitt zu tun haben oder ich bin gerade gar nicht am Schreiben, sondern mir fällt zwischendurch etwas ein, sodass es auch keinen Sinn ergibt, diese zu erledigende Sache irgendwo als Inline Annotation im Text zu hinterlassen. So etwas kommt dann also als Punkt in die To-do-Liste.

Hier wählt man zwischen Dokumentnotizen und Projektnotizen
Hier wählt man zwischen Dokumentnotizen und Projektnotizen

Kommentare

Wenn der erste Entwurf fertig ist, kommt die erste Überarbeitungsphase. Jetzt darf der innere Lektor herauskommen. Jetzt wird analysiert, kritisiert und alles systematisch durchdacht. Warum nutze ich hier die Kommentare?

Kommentare, wie erwähnt, sind Notizen, die am Rand, im Inspektor, erscheinen. Sie sind an irgendeinem Begriff im Text verankert, auf den sie sich beziehen. Ein Vorteil der Kommentare ist, dass sie geordnet im Inspektor übereinander stehen, für das jeweils geöffnete Dokument. Im Gegensatz zu den Inline Annotations, die ich aufmerksam im Text suchen muss, kann ich die Kommentare einen nach dem anderen erledigen und gelange automatisch zu der Textstelle, auf die er sich bezieht.

Ich finde es hilfreich, für die Überarbeitung ein anderes Werkzeug als während des Entwurfs zu benutzen, weil ich auf diese Weise die Rollen (kreativ vs. analysierend) auch symbolisch trenne. Außerdem eignen sich die Kommentare, wie gesagt, gut, um sie am Ende systematisch abzuarbeiten.

Wie gehe ich also vor? Ich gehe den ersten Entwurf durch und zwinge mich, jede Inline Annotation in einen Kommentar zu verwandeln. Ich ändere noch nichts, dies ist nicht der Zeitpunkt für Kreativität (unter anderem, weil man leicht in Versuchung gerät, eine notwendige Änderung zu unterschlagen, wenn man ihre Konsequenzen fürchtet. Der innere Lektor darf nicht darf nicht von Einwänden des inneren Autoren gehemmt werden, der ihm zuruft, zu diesem oder jenem Problem falle ihm ohnehin keine Lösung ein). Aber ich überlege an dieser Stelle zumindest, wo im Text die erforderliche Änderung ungefähr sein muss, denn ich muss den Kommentar ja an irgendeinem Anker im Text befestigen. In obigem Beispiel würde ich also die Szene suchen, in der Terry Gruesome (der leider nur in meinem Beispielprojekt existiert) das Haus verlässt. Dort würde ich einen Kommentar einfügen „hier die Pistole einstecken“. Hierfür markiere ich das Wort oder den Abschnitt, zu dem der Kommentar gehört und drücke entweder cmd+shift+* oder das Plus-Zeichen im Kommentarfenster (wenn ich kein Wort markiere, wird automatisch das dem Cursor am nächsten liegende genommen).

Rechts in gelb der Kommentar, im Text ist dazugehörige Wort markiert
Rechts in gelb der Kommentar, im Text ist dazugehörige Wort markiert

Das gleiche mache ich mit meiner To-do-Liste. Jeder Eintrag dort wird in einen Kommentar umgewandelt. Auf diese Weise gehe ich sicher, dass ich wirklich alle Änderungen systematisch abarbeiten kann und nicht denken muss, ich hätte vielleicht noch etwas von der Liste zu berücksichtigen. (Unter Umständen resultiert dieser Arbeitsgang im Übrigen auch darin, dass ich eine neue, leere Szene anlege, wenn es nicht um Änderungen innerhalb des Geschriebenen geht, sondern um Hinzufügen von etwas ganz Neuem.)

Am Ende dieses Durchganges sind also alle Inline Annotations gelöscht, alle Punkte von der To-do-Liste berücksichtigt und ich habe eine lange, lange Reihe von Kommentaren in meinem Inspektor. Jetzt ändere ich den Status zu „first draft, um Kommentare ergänzt“.

Überarbeitung

Der nächste Schritt ist wieder kreativ. Jetzt muss ich mir überlegen, wie ich die Aufgaben, die mir die Kommentare stellen, sinnvoll in den laufenden Text bekomme. Hier muss ich mich zwingen, noch nicht auf die Sprache und auf den Rhythmus einer Szene zu achten, weil ich es immer enorm schwierig finde, in einen organisch entstandenen Text nachträglich etwas einzufügen. Es darf jetzt also erst mal holprig klingen, wichtig ist nur, dass es inhaltlich stimmt.

Es kann natürlich sein, dass die Umsetzung eines Kommentars wieder neue Änderungen nach sich zieht. Vielleicht lässt sich ein Problem auf eine Weise lösen, die noch unerwartete andere Änderungen nötig macht. Das markiere ich mir dann wieder mit Kommentaren. In Wirklichkeit ist es also ein Prozess, der nicht ganz so systematisch läuft, wie es hier klingt.

Am Ende jedenfalls müssen alle Kommentare abgearbeitet sein und wenn ich alles richtig gemacht habe, müssten jetzt alle Änderungen erledigt sein. Und alle Änderungen die sich aus den Änderungen ergeben haben und so weiter.

Feinschliff

Jetzt befindet sich der Text im Status „second draft, Kommentare abgearbeitet“. Es folgt der Feinschliff, also stilistische Verbesserungen, Kürzung und Verdichtung, Orthographie etc. Die in Kauf genommene Holprigkeit des zweiten Entwurfs wird ausgebügelt. Unter Umständen kann man hierfür mehrere Durchgänge einplanen, aber darauf will ich heute nicht eingehen. Vielleicht ergeben sich neue Veränderungen und man fällt zurück ins Kommentarstadium. Und wenn man den Text dann Testlesern gibt, treten sowieso wieder Logikfehler und Unverständlichkeiten und Plotlöcher zutage, und dann wiederholt sich der Vorgang.

Ich hoffe, ich konnte Euch eine Idee davon vermitteln, wie man Scrivener seinem persönlichen Arbeitsprozess zu Eigen machen kann. Vielleicht fallen euch Möglichkeiten ein, die Werkzeuge auf ganz andere Weise zu nutzen, die eurem Vorgehen besser entsprechen. Vielleicht benutzt ihr Keywords, um Stellen zu markieren, die ein bestimmtes, zu änderndes Element beinhalten. Vielleicht benutzt ihr den Revision mode, bei dem man jede Änderung farblich markieren kann, um zu sehen, wie viel vom Originaltext übrig ist. Schreibt es uns gerne in die Kommentare!

In Scrivener gibt es eine Vielzahl von Werkzeugen. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Autoren, der wirklich jedes davon in Gebrauch hat und keine zwei, die die gleichen Werkzeuge in der gleichen Weise verwenden. In diesem Beitrag will ich euch zeigen, wie ich einige der Tools in Scrivener benutze, um ein Manuskript zu überarbeiten. Das soll als Beispiel und Anregung dienen, Scrivener an seinen eigenen Arbeitsprozess anzupassen. Besonderes Augenmerk werde ich auf folgende Werkzeuge legen: Status, Inline Annotations, Kommentare und Projektnotizen. Ich nutze Scrivener für Mac auf Englisch. Status Bei der Arbeit an einem Manuskript gehe ich einigermaßen systematisch vor und…

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Über Robert Friedrich von Cube

Robert Friedrich von Cube
R.F. von Cube schreibt mit Scrivener, den Fingern und dem Herzen. Kurzgeschichten von ihm findet man im ohneohren Verlag und bei Art Skript Fantastik. Alles Mögliche in seinem Blog http://zeichensturm.wordpress.com.

Alternatives Ergebnis

Organisationstipp: Sammlungen (Collections)

Wer hatte nicht schon einmal das Gefühl, es wäre sinnvoll und nützlich, wenn man die …

7 Kommentare

  1. Vielen Dank. Die Ausführungen sind auf alle Fälle sehr hilfreich. Inline-Annotation und die Projektnotizen habe ich bislang noch nicht so gezielt genutzt, werde das aber jetzt definitiv ändern.

  2. Beim Überarbeiten nutze ich zudem ergänzend die Revisionsmodi, sodass sich auch farblich fürs Auge erkennen lässt, in welcher Überarbeitungsphase ich stecke. D.h. Rohfassung ist schwarz, die erste Grob-Überarbeitung ist rot, das Feintuning ist blau usw. Beim Compilieren muss man dann allerdings darauf achten, dass man die Textfarbe löschen lässt …
    Abschließend lasse ich mir dann den Text dann noch mal von Scrivener (Mac) vorlesen, sodass ich höre, wie er klingt. Erst wenn auch mein Ohr zufrieden ist, ist die Szene abgehakt.

  3. Die Methode klingt gut und sehr strukturiert. Danke für die guten Tips! Ich müsste demnächst zum ersten mal ein „richtiges“ Manuskript redigieren, und hab noch keine Ahnung wie ich das angehn soll, da sind solche Artikel echt Gold wert! (Bisher finden sich Anmerkungen über nötige Änderungen bei mir auf diversen handschriftlichen Zetteln, die dann irgendwo in der Wohnung rumfliegen – Deine Methode scheint mir deutlich effektiver.)

  4. Seltsamerweise klingt stati sehr seltsam, udn ich bin ein alter weißer Mann, dessen Lateinunterricht naturgemäß Jahrzehnte zurückliegt, aber ich glaube zu erinnern, daß status zur u-Deklination gehört, wo es überhaupt die Endung auf -i nicht gibt. Der Plural müßte status mit langem U lauten.

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