Sonntag , 19 November 2017
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Mindscope – Scapple-Alternative mit Tiefgang

Mindmapping für iOS

Viele, die Scrivener benutzen, sind auch Freunde des Ablegers Scapple, der simplen aber effektiven Brainstorming-Software von Literature&Latte. Im Gegensatz zu den üblichen Mindmapping-Apps, die einem zumeist vorgeben, von einem zentralen Thema aus Unterpunkte zu erstellen, kann man bei Scapple überall und frei auf dem Bildschirm Notizen verteilen. Wenn man will, kann man sie durch Pfeile verbinden oder mit einigen anderen simplen Stilen (wie Rahmen oder Farben) kennzeichnen. Ingesamt ist der Funktionsumfang aber bewusst gering gehalten, weil es sich nicht um ein Programm handelt, mit dem man aufwendig desingte Grafiken erstellen soll, sondern das die Freiheit eines Blatt Papiers simulieren soll. Mit dem Vorteil gegenüber Papier, dass es undendlich groß wird, wenn man will. Und dass man seine Ergebnisse hinterher digital exportieren kann. Und dass man es lesen kann (jedenfalls ist das in meinem Fall ein Vorteil).
Der größte Nachteil an Scapple: Es gibt keine Version für Mobilgeräte. Schon als es herauskam, schrien viele Nutzer, dass das perfekt auf das iPad passen würde. Meines Wissens nach ist eine Version für iOS aber nicht in Sicht.
Es gibt dafür natürlich eine Vielzahl von Alternativen, insbesondere im Bereich Mind-Maps (siehe z.B. auch meinen Artikel hier). Jetzt bin ich auf eine App gestoßen, die (im Gegensatz zu den klassischen Mind-Map-Apps) viele Ähnlichkeiten mit Scapple hat.

Mindscope

Mindscope hat ein ganz ähnliches Grundprinzip wie Scapple, mit einem entscheidenden Unterschied. Zu dem komme ich gleich. Wie bei Scapple hat man bei Mindscope einen einfarbigen Hintergrund, auf dem man völlig frei Textschnipsel platzieren kann. Diese kann man in der Größe variieren (was übrigens auch bei Scapple eine gute Methode ist, um Notizen ein verschiedenes Gewicht zu geben), man kann die Schrift fett machen oder durchstreichen und das war es schon fast. Verbindungen kann man mit Strichen oder Pfeilen herstellen. Eher untypisch und sicherlich gelegentlich brauchbar: Man kann den Hintergrund mit einem Raster ergänzen, um seine Notizen zu organisieren oder sogar wie eine Tabelle anzuordnen.
Die wenigen Funktionen helfen, sich aufs Produktivsein zu konzentrieren, Mindscope will einen bewusst nicht dazu verleiten, mit Stilen oder Symbolen herumzuspielen. Trotzdem fände ich es gut, wenn man zumindest die Farben der einzelnen Einträge verändern könnte, das geht nämlich nur global für jede Seite (was das heißt kommt gleich, Geduld!). Ein entscheidender Nachteil gegenüber Scapple: Die Leinwand ist nur so groß wie der Bildschirm. Das geniale Prinzip, einfach immer weiter planen zu können und einen “mitwachsenden” Hintergrund zu haben, fehlt hier leider (es ist wegen des Kniffs, zu dem ich gleich komme, nicht ganz so schlimm, aber trotzdem doof).

Der Tiefgang

Auf den Screenshots sieht die App ziemlich unspektakulär aus und ich glaube auch, dass ich schon ein paar mal über sie gestolpert war und nicht weiter beachtet hatte. Das liegt zum Einen an dem simplen Grundprinzip, weil eben keine bunten Pfeile, animierten Wolken oder sonstige Gimmicks verwendet werden. Zum Anderen aber liegt es daran, dass der Tiefgang (im wahrsten Sinne des Wortes) dieser App auf den Fotos einfach nicht erkennbar ist, den kann man nur begreifen, wenn man sie benutzt oder wenigstens erklärt kriegt. Trotz der simplen Oberfläche macht die App nämlich eine Sache anders, als alle anderen derartigen Programme, die ich kenne: Sie hat Ebenen. Jeder Eintrag lässt sich öffnen und offenbart dann eine neue Leinwand, die als Unterpunkt zu diesem Eintrag wieder Platz für alles Mögliche bietet. Mittels Pinch-Geste oder der oben angezeigten Navigationsleiste (oder Shortcuts, siehe unten!) kommt man schnell wieder zurück. Man kann sich das so ähnlich vorstellen, wie Unterpunkte bei einer klassischen Mindmap, die sich einklappen lassen und erst sichtbar werden, wenn man sie anklickt. Oder wie Subdokumente in einem Scrivener-Projekt.

Die Verwirrung

Am Anfang tendiert man dazu, jeden neuen Unterpunkt in einer neuen Ebene zu starten und das ist nicht sinnvoll. Denn ein Nachteil an diesem Prinzip ist natürlich, dass man immer nur die aktuelle Ebene sieht. Eine Ebene, die nur aus einem Begriff besteht, der einen auf die nächste führt, die wieder nur aus zwei Einträgen besteht, ist wenig sinnvoll. Dann navigiert man sich nur ständig durch die Stockwerke und hat wenig Überblick. Besser ist es, man nutzt eine Leinwand zunächst so, wie man es bei Scapple tun würde und sucht sich dann einzelne Punkte, zu denen man gewissermaßen ein neues “Kapitel” aufmachen will. Für einen Roman könnte man zum Beispiel die einzelnen Szenen auf einer Ebene planen und dann für jede einzelne Szene eine Etage tiefer gehen und dort die Details ausarbeiten.
Verwirrend ist es zu Anfang, dass es keine verschiedenen Dateien, Dokumente oder ähnliches gibt. Man ist es ja gewohnt, für jedes Projekt erst einmal ein eigenes Dokument anzulegen, sei das bei einem Text, einer Mind-Map oder einem Scrivener-Projekt. Mindscope funktioniert aber anders: Da man ja ohnehin beliebig tief gehen kann, ist einfach die oberste Ebene die Start-Seite. Man hinterlässt dort einen Eintrag und wenn man den öffnet, gelangt man eine Etage tiefer auf ein leeres Blatt, wo man seine Mind-Map erstellen kann. Wenn einem das erst einmal klar geworden ist (bei mir erforderte das zunächst E-Mail-Verkehr mit dem Entwickler), ist die Sache ganz einfach. Jedenfalls, wenn man eine zweite Sache begriffen hat: Der Export (der als proprietäre Mindscope-Datei, OPML oder Text möglich ist) berücksichtigt nur die aktuell angezeigte Ebene und die darunter liegenden. Ich muss also nicht befürchten, bei mehreren Projekten auf meinen Startbildschirm das ganze Kovolut zu exportieren.

Die Verknüpfung

Und noch eine besonderheit hat Mindscope: Man kann Einträge untereinander Verknüpfen. Ähnlich wie wir es von den Scrivener-Links kennen, kann ich eine Notiz markieren, kopieren und dann an anderer Stelle eine Abkürzung dahin einsetzen, im Prinzip also wie bei einem Wiki. Das erleichtert die Navigation noch einmal und kompensiert für die gewisse Unübersichtlichkeit, die sich aus dem Grundprinzip ergibt.

Shortcuts

Die App liefert umfassende Bedienung per Keyboard-Shortcuts, wenn man auf dem iPad eine externe Tastatur angeschlossen hat. So geht die Bedienung noch erheblich schneller. Manko ist allerdings, dass neue Einträge ohne wirkliche Logik auf dem Untergrund verteilt werden und man diese hinterher trotzdem noch mit dem Finger an die gewünschte Stelle schieben muss. Das wiederum geht aber ohne vorheriges Markieren oder ähnliches, so dass das Herumschieben sehr reibunglos geht. Um die Bearbeitungsfunktionen wie Formatierung, Pfeile etc. aufzurufen oder auch einen bestehenden Eintrag noch mal zu verändern, muss man ihn hingegen länger gedrückt halten, was den Workflow etwas bremst.

Fazit

Mindscope ist eine nette Brainstorming-App mit einem innovativen Prinzip. Die Basis-Version ist kostenlos, aber um sie wirklich ausnutzen zu können, muss man die erweiterten Features wie die Links per In-App-Purchase für faire 8,99€ kaufen. Mindscope eignet sich für alle, die etwas Ähnliches wie Scapple auf dem iPad (oder iPhone) vermissen, für Leute, die gerne ohne viel Firlefanz schnell planen möchten – wobei vor allem die Shortcuts helfen –und für solche, die eine komplexere Struktur aufbauen möchten, bei der es hilft, nicht alles auf einen Blick zu sehen, sondern Unterpunkte auf einer anderen Ebene abzuhandeln. Hier sind dann die Verlinkungen besonders hilfreich. Umgekehrt ist die App weniger geeignet, wenn man gerne etwas darstellen will, das Beziehungen möglichst auf einen Blick zeigen soll, wenn man vorhat in die Breite zu gehen (ein unendlicher Canvas wäre eine großartige Ergänzung für Mindscope) oder wenn man gerne mit grafischen Details spielt bzw. eine ansehnliche Präsentation erstellen will.

Über Robert Friedrich von Cube

Robert Friedrich von Cube

R.F. von Cube schreibt mit Scrivener, den Fingern und dem Herzen. Kurzgeschichten von ihm findet man im ohneohren Verlag und bei Art Skript Fantastik. Alles Mögliche in seinem Blog http://zeichensturm.wordpress.com.

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